Esoterik

Wie ich im letzten Eintrag schrob, ist meine damalige Freundin also unter die Tarot Karten Leser gegangen.

Es war, natürlich, die reinste Verarsche. Genau wie alle anderen „spirituellen“ Hotlines. Damals war mir das aber nicht so klar – ich kam meine Freundin ein paar mal bei der Arbeit besuchen und sah mir an, wie das so funktioniert. Es sah ganz lustig aus.

Es gab jede Menge schräger Leute, die fast ausnahmslos daran zu glauben schienen, was sie da taten. Fast jeder hatte seinen eigenen „Stil“, wie er oder sie Karten las. Gemeinsam hatten alle eines:
Niemand hielt sich an die Bedeutung der Karten, wie sie auf der Rückseite steht. Und niemand benutzte seinen richtigen Namen. Höchst seriös. 😀
Eine Frau, die fand ich am besten, hat überhaupt keine Karten benutzt. Sie hat nur gelabert.
Als ich sie fragte, warum sie keine Karten benutzt, sagte sie mir: ich mache das schon so lange, ich brauche die Karten nicht mehr. Ich weiß, was die Leute hören wollen.

Dann war da ein Typ, der sich als Hexer (wohl eher Wixxer) bezeichnete. Und als ich seine Angebote einer Rückenmassage immer wieder ausschlug, sagte er mir, dass er mich mit einem Fluch belegen würde, der mich impotent machen würde. 🙂

Mir gefiel das ganze so sehr, dass ich den Chef fragte, ob er mich einstellen würde. Er sagte ja, gab mir ein Tarot Karten Deck und sagte, ich soll in 3 Tagen zurückkommen und dann werde ich angelernt.
Ich paukte die Karten und ihre Bedeutungen und 3 Tage später war ich dann auf der Matte.
Ich hörte mir 5-6 Gespräche an und legte dann selber los.
Mein erster Callcenter Job. Was für ein Einstieg, oder?

Ich arbeitete zunächst nach bestem Wissen und Gewissen. Merkte aber schnell, dass diese Hotlines nur von Leuten angerufen werden, denen es gerade dreckig geht und die hören wollen, dass es bald besser wird. Und von Spaßvögeln natürlich – aber bei 1,99 Pfund (damals umgerechnet fast 7 DM) pro Minute hielt sich das in Grenzen.
Jeden Freitag rief mich eine Frau an, die immer nur wissen wollte, wann sich endlich mal einer der Ärzte ihres Sohnes in sie verliebt.
Irgendwann wurde es uns beiden zu viel und wir kündigten beide bei der Tarot Hotline.

Ich wandte mich mit der Zeit Stück für Stück wieder der Bibel zu, las aber stellenweise auch den Koran. Nicht, weil ich Moslem werden wollte – mich interessierten die Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Bezug auf das Christentum.
Als dann eine schwierige Zeit für mich begann, stürzte ich mich regelrecht in die Bibel. Ich las sie mehrfach von Anfang bis Ende.
Wie verzweifelt suchte ich nach Bedeutung, Sinn. Ich wartete die ganze Zeit darauf, dass ich irgendwas fühle.
Und das war auch die Zeit, in der ich einen Amerikaner online kennen lernte, der mir eine völlig neue Betrachtungsweise der Bibel präsentierte. Ich will nicht ins Detail gehen, weil das sonst ein sehr langer (und für viele sicher sehr langweiliger) Text wäre.
Es ging im Großen und Ganzen darum, dass die Bibel nicht wörtlich sondern symbolisch zu verstehen ist. Er hatte ein regelrechtes System, mit dem er die Bibel entschlüsselte. Es war faszinierend, ich hatte die Bibel nie zuvor mit so einem Eifer gelesen, studiert und zu verstehen versucht. Ich fing sogar an, Hebräisch zu lernen.
Er war ein Apokalyptiker. Was ihn jedoch unterschied, und für mich interessant machte, war dass er nicht an ein physisches Ende der Welt glaubte, sondern dass Gott am Tag X kommt, seine Leute holt und die anderen hier lässt, um zu machen, was sie wollen. Denn die Erde sei die wahre Hölle.
Seine Konzepte und Ideen erklärten die Geschichten in der Bibel und Zusammenhänge zwischen diversen Büchern darin so plausibel, dass es mich komplett überzeugte.

Bei einem unserer vielen Gespräche sagte er mir, dass er, wenn Jesus bis zum Ende des Jahres 2009 nicht erscheint, um die Apokalypse durchzuführen, würde er für immer darüber schweigen, nie wieder davon reden.
Seitdem ist jetzt über ein Jahr vorbei und ich habe schon lange nichts mehr gehört von ihm. Und auch wenn ich mich, was meine Weltanschauung angeht, von ihm entfernt habe, bin ich stolz darauf, ihn kennengelernt zu haben. Er hat mir in vielerlei Hinsicht sehr geholfen, hat nie etwas verlangt oder angenommen – im Gegenteil, er beschenkte mich sogar. Er ist einer der nettesten, verständnisvollsten und liebevollsten Menschen, die ich außerhalb meiner Familie je kennenlernen durfte. Ich würde ihn auch heute noch herzlichst willkommen heißen, würde er wieder Kontakt mit mir aufnehmen wollen.

Vor einiger Zeit, nachdem ich fast ein Jahr lang nichts mehr von diesem Mann gehört habe, haben sich mir neue Fragen gestellt, deren Beantwortung ich im nächsten Beitrag beschreiben werde.

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